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Vanitas-Couture: In Clara Siegenthalers Kollektion „Memento mori“ trifft Mode auf Vergänglichkeit und die Biographie der Designerin


Der Gedanke der Vergänglichkeit gehört schon immer zur DNA der Mode. Bei Clara Siegenthaler entsteht daraus jedoch etwas Neues und Faszinierendes. Ihre Kollektion „Memento mori“ für Herbst/Winter 2016/17 ist eine sehr persönliche und gerade deshalb so berührende Arbeit, weil sie in enger Verbindung mit dem frühen Tod ihres eigenen Vaters steht. Durch die außerdem perfekt verarbeiteten Geweihe aus der Jägers-Sammlung ihres Großvaters, kann man ihre außergewöhnliche Vanitas-Couture auch als intensive Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie betrachten. Alles andere also als ein trivialer Fingerzeig auf den saisonalen Schnelltod von Trends und Stilen in der Modebranche.  

Ästhetisch liegt der Fokus auf dem Kontrast zwischen organischen Mustern und linearen Faltenstrukturen. Die Vergänglichkeit des Lebens wird durch Geweihe und verwelkte Rosen versinnbildlicht. Lineare Falten symbolisieren Stabilität und Ordnung und werden organisch wirkenden Elementen entgegengesetzt. Auch ein Hochzeitskleid beinhaltet die Kollektion, mit der Clara ihren Abschluss an der Fahmoda bestreitet. Ein Brautkleid, das gerade deshalb so beeindruckt, weil es in seiner zurückgenommenen Silhouette leise bleibt und den Moment der Vergänglichkeit vor jeden üppigen Kitsch in Tüll setzt.

„Insgesamt steht meine Arbeit für Originalität und Extravaganz. Die Kollektion zeichnet sich durch einen avantgardistischen Look für trendbewusste Frauen aus, die sich für nachhaltige Mode interessieren“, erklärt Clara gegenüber hannoverfashionweeks.com.

Das Spektrum reicht von tragbaren Tailoring-Anzügen über extravagante Abendroben bis hin zu avantgardistischen Statement-Outfits aus Pflanzen-gegerbtem Rindsleder und Schafsfellen sowie  Röcken, Hosen und Blazern aus Baby-Alpaka. Cocktail- und Abendkleider verleihen der Kollektionen eine royale Note, kombiniert mit einem Hauch Gothic-Glamour. Kundinnen von Alexander McQueen bis Valentino dürften begeistert sein.

Ein typisches Vanitas-Symbol ist der Schädel. „Er inspirierte mich dazu, einige Geweihe aus dem Besitz meines verstorbenen Großvaters, der Jäger war, in die Kollektion zu integrieren“, erklärt Clara der HFW-Redaktion. Die Geweihe dienten als Grundlage zur Gestaltung neuer Formen. Zugleich symbolisieren sie ebenfalls Vergänglichkeit. Die jeweiligen Schädel der Geweihe wurden von den Gehörnen getrennt und als jeweils separate Designelemente an Cocktailkleidern, Röcken oder als Kopfschmuck integriert. Auch die Gehörne wurden als zusammenhängende Elemente in Cocktailkleidern oder Schuhen befestigt oder auch als Schmuck verarbeitet.

Ein weiteres Designelement, das für Verfall steht, ist die Rose. Sie findet sich in Form verschiedener Details wieder  – wie beispielsweise als Kopfschmuck oder an den Schuhen. Dabei wird von Outfit zu Outfit ein Verlauf dargestellt, der das Verblühen der Blume zeigt: von der Blüte bis zum Verwelken.

Einige gefriergetrocknete Rosen werden erst kurz vor der Show aufgenäht. So seien einige Teile der Kollektion ebenfalls vergänglich, betont die Designerin. Das Prinzip des Lebens symbolisieren dazu Materialien mit organischen Mustern: rotes 3-D-Leder mit organischen Blumenmustern und Farbschattierungen, Viskosefutterstoffe in Jacquard-Webart mit Paisley-Mustern.

Pailletten-Chiffon und Cut-Out-Spitze sollen als Zeichen vom Auflösen der Materie die Morbidität des Lebens widerspiegeln. Konträr zu den organischen Mustern hat die Fahmoda-Absolventin lineare Faltenstrukturen eingesetzt, die Stabilität und Ordnung symbolisieren sollen. Diese lassen sich sowohl in den Tailoring-Anzügen als auch in den Cocktailkleidern finden und sind teilweise mehrschichtig übereinander gearbeitet oder werden skulptural in großen Formen drapiert.

Schwarz steht für den Tod. Trauer und Schmerz werden mit einem dramatischen Tiefrot symbolisiert. Ein satter Creme-Ton bildet ein weiteres Grundelement und versinnbildlicht die Hoffnung. Gold wird partiell eingesetzt und steht für das Erhabene und für eine Haltung dem Tode mit Würde entgegenzutreten. Alles in allem eine konzeptionelle wie handwerklich hochgradig beeindruckende Arbeit.

Wir dürfen hier wenige Tage vor den Fashion Finals schon mal das „Memento mori“-Lookbook zeigen, das unser Freund Pierre „HairRock“ Heinemann mit Model Luise Bussert für Clara Siegenthaler geschossen hat. Die Designerin will nach den Fashion Finals ein Praktikum bei Rich&Royal in Stuttgart antreten und die Gründung ihres eigenen Labels vorantreiben. 

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Fotografie: Pierre Heinemann
Make up: Kristin Fischer/HautsacheKosmetik
Haare: Pierre Heinemann
Model: Luise Bussert

4 Comments

  • Alle verwendeten Bio-Wollstoffe dieser Kollektion sind entweder „GOTS-zertifiziert“ oder mit dem „Ökotex Standard100“ ausgezeichnet. Das fair hergestellte Seiden-Cashmere-Gemisch entspricht vor allem der sozialen Säule im Bereich Nachhaltigkeit. So stehen die europäischen Einkäufer im engen, persönlichen Kontakt mit den nepalesischen Herstellern.
    Des Weiteren upcycle ich Produkte vom Flohmarkt wie goldenes Schlangenleder und verarbeite Restposen der Produktion großer Firmen wie beispielsweiße Jill Stuart.
    Im Zeitalter der Wiederverwertung geht es auch um die Rückbesinnung auf traditionelle Kleidungsarten und Produktionsverfahren. In der Verwendung von biologisch abbaubaren Materialien tierischen Ursprungs, die entweder recycelt oder ökologisch hergestellt wurden, wird daher kein Widerspruch zum Nachhaltigkeitsanspruch gesehen. In dieser nicht-veganen Kollektion steht die Komplett-Verwertung von verschiedenen Materialien und Stoffen im Vordergrund, die die Natur seit Jahrtausenden den Menschen für die Bekleidung liefert. So finden sich in dieser Kollektion rein pflanzlich gegerbtes Vollrindleder, dessen Roh-Häute aus Süddeutschland stammen und dort ebenfalls frei von giftigen Chemikalien gegerbt werden, nachhaltiges Fell, zertifizierte Wollen und Seiden und wiederverwertete Geweihe.

    Somit ist das Prinzip der Komplettverwertung auch ein Statement gegen die Massentierhaltung und bietet eine natürliche Alternative. Die Tiere im Wald werden nicht auf engstem Raum gequält, sondern leben in freier Natur. Der Mensch muss sie schießen, da sie mitunter eine Gefahr aufgrund der Überwilderung für die restliche Natur darstellen, indem sie Bäume und das restliche Waldleben zerstören. Es werden immer nur so viele Tiere geschossen, dass die Gattung trotzdem überlebt und sich weiterhin fortpflanzt, aber keine Gefahr mehr für Flora und Fauna darstellt. Diese erlegten Tiere werden danach von den Jägern zerwirkt und das Fleisch wird von den heimischen Metzgern im Spessart (wo ich aufgewachsen bin), das Fell von den Kürschnern und das Leder von den Gerbern weiterverarbeitet.
    Durch das Unterstützen dieses ganzheitlichen Prinzips schützen wir also auch die Umwelt.

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